
Sicher erinnern Sie sich noch genau, wie es war, als Sie Ihr Kind zum ersten Mal im Arm gehalten haben. Wie vieles hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert! Inzwischen haben sich Baby und Mutter, Baby und Vater aneinander gewöhnt. Ihr Kind ist für Sie unverwechselbar. Unter Hunderten würden Sie es wiedererkennen. Auch Ihr Baby findet sich jetzt schon besser in seiner neuen Umgebung zurecht. Bereits mit wenigen Tagen hat es Sie an Ihrem Geruch erkannt. Jetzt kann es Ihre Stimme schon von anderen unterscheiden. Es kennt Ihr Gesicht. Sein wichtigstes Sinnesorgan aber ist noch die Haut.
Ob ein Baby die Welt neugierig begrüßt hat oder skeptisch, vielleicht unter Protest: Für jedes ist die Geburt eine einschneidende Veränderung. Seine erste Erfahrung war das Leben in einem geschützten Raum, im Körper der Mutter. Dort wurde es mit allem versorgt, was es brauchte: Sauerstoff, Nahrung, Wärme, Geborgenheit. Der Herzschlag seiner Mutter, ihre Stimme, ihre Bewegungen – das alles vermittelte dem Ungeborenen Sicherheit. Durch die Geburt wird alles anders: "Draußen" gibt es zunächst nichts, was das Baby sicher umschließt. Der Raum scheint unendlich, es ist lauter, heller, kälter. Vertrauter wird ihm die Welt erst, wenn es am Körper seiner Mutter gehalten wird: Es hört wieder den beruhigenden Rhythmus ihres Herzschlags, spürt die Wärme ihres Körpers. Anstelle des Umschlossenseins im Mutterleib tritt nun die Geborgenheit im Arm von Mutter oder Vater.
Ein Baby braucht Erwachsene, die sich ihm zuwenden, es umsorgen, ihm geben, was es braucht. Ihr Baby braucht Sie. Ob Mutter oder Vater. Ihm ist egal, ob Sie alt oder jung, über- oder untergewichtig, dunkel- oder hellhäutig, arm oder reich sind. Es spürt Ihren Pulsschlag, Ihren Atem, fühlt Ihre Hand. Wenn Sie Ihre Wange an seine schmiegen, wenn es nach dem Trinken noch ein wenig an Ihnen ruhen kann, wenn Sie beim Wickeln seine Beinchen sanft massieren, dann lernt Ihr Kind Sie kennen, spürt, wer Sie sind. Durch die Art, wie Sie es berühren, lernt es aber auch seinen eigenen Körper kennen, erfährt allmählich immer mehr über sich selbst.
Lange wurden Babys als völlig hilflose, passive Menschlein beschrieben. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Auf Hilfe angewiesen sind sie, aber passiv sind sie nicht. Vom ersten Tag an gestaltet das Baby seine Welt mit. Und mehr als Sie vielleicht ahnen, lernen Sie selbst von Ihrem Kind. Seine Mimik, seine Töne regen Sie an, das Richtige zu tun, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn Sie mit ihm sprechen oder spielen wollen, halten Sie es ganz von selbst im richtigen Abstand, so dass es Sie sehen und Ihren Blick erwidern kann. Und wenn es Ihnen dann – erst nur einen kurzen Moment, dann immer länger – seine Aufmerksamkeit schenkt, vielleicht sogar ein kurzes, zaghaftes Lächeln, dann haben Sie das stolze Gefühl, an dieser Leistung beteiligt zu sein.
Sicher hat Ihr Kind Ihnen schon beigebracht, Ihr Tempo dem seinen anzupassen: langsamer und ruhiger im Sprechen und in Ihren Bewegungen zu werden. Manchmal mischt sich das Kind auch ganz aktiv ins Geschehen ein, dann nämlich, wenn Sie etwas tun, was ihm Unbehagen bereitet. Legen Sie es z.B. nicht so an die Brust, dass es bequem saugen und dabei frei atmen kann, wird auch das kleinste Kind sich zu wehren wissen: Es wendet den Kopf ab. Es schließt oder verdreht die Augen, atmet schwerer, gähnt vielleicht, wenn ihm etwas zu nahe kommt oder zu viel wird. Seinen ganzen kleinen Körper kann es versteifen, um Ihnen zu zeigen, dass es sich gerade unbehaglich fühlt. Und schließlich kann es schreien. Durch geduldiges Beobachten werden Sie allmählich die Sprache seines Körpers verstehen. Und durch Versuch und Irrtum auch lernen, ihm angemessen zu antworten. Die Zwiesprache mit Ihrem Kind beginnt – lange bevor es sprechen kann.
Auszug aus Elternbrief
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